Wilhelm Reich: Eine Biographie

Die Europäische Periode

Wilhelm Reich (WR) wurde am 24. März 1897 in Dobrzcynica in der Bukowina (heute Teil der Ukraine) am östlichen Rande des Österreichisch-Ungarischen Reiches als erstes Kind von Leon Reich and Cecilie Roninger-Reich geboren. 1899 kam sein Bruder Robert zur Welt. Er starb 1926 an Tuberkulose. Reichs Vater war ein reicher Farmer, was ihm erlaubte, seine beiden Kinder nicht in die öffentliche Schule schicken zu müssen, sondern von einem Privatlehrer unterrichten zu lassen. Reichs Eltern waren Juden, aber die Söhne erhielten weder eine religiöse jüdische Erziehung, noch gehörten sie einer Religionsgemeinschaft an.

1910 beging Reichs Mutter Selbstmord, nachdem Wilhelm, damals 13 Jahren alt, dem Vater von einer Beziehung zwischen ihr und dem Privatlehrer berichtet hatte. 1914 starb auch der Vater und hinterließ dem jungen Wilhelm die gesamte Verantwortung für die Verwaltung des väterlichen Erbes, die er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges trug. WR diente in der Österreichisch-Ungarischen Armee an der italienischen Front im Range eines Leutnants.

Am Ende des Krieges begann er in Wien mit einem Medizinstudium, nachdem er für eine kurze Zeit Vorlesungen über Jura gehört hatte. 1922 erhielt er seinen Doktortitel. (Den Kriegsheimkehrern war erlaubt worden, das Studium in vier statt in sechs Jahren abzuschließen.) Während seiner Universitätszeit lebten er und sein Bruder von Nachhilfestunden, die er anderen Studenten gab.

Zur gleichen Zeit (1919) organisierte er zusammen mit Studienkollegen ein Seminar für Sexologie, nachdem er feststellen mußte, daß dieses Thema im Studium keine Rolle spielte. Unter anderem luden sie auch Psychoanalytiker ein. Das Interesse an den Arbeiten Freuds und der Psychoanalyse brachte ihn dazu, eine psychoanalytische Ausbildung und seine persönliche Analyse bei Dr. Paul Federn schon während seines Universitätsstudiums zu beginnen. Bald danach wurde er Mitglied des Wiener Psychoanalytischen Vereins. Bereits 1919 fing er an, Patienten zu behandeln.

Während seiner Zeit an der Universität studierte er Psychiatrie bei Prof. Wagner-Jauregg und Biologie bei Prof. Kammerer.

1922 heiratete er Annie Pink, die sechs Monate lang seine Patientin gewesen war und die später eine berühmte Psychoanalytikerin werden sollte. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Eva und Lore.

1922 wurde er Assistent an der von Freud gegründeten Psychoanalytischen Klinik und 1924 Direktor des Technischen Seminars. Von 1924 bis 1930 lehrte er am Wiener Ausbildungsinstitut für Psychoanalyse.

Diese erste Periode war auf der einen Seite von der wachsenden Wertschätzung gekennzeichnet, die Freud und die anderen Psychoanalytiker den von WR an den Tag gelegten klinischen und organisatorischen Fähigkeiten bezeugten, auf der anderen Seite jedoch von einer wachsenden Feindseligkeit und differierender Betrachtungsweisen zwischen WR und dem psychoanalytischen Establishment. Das beruhte auf zwei Faktoren:

Das konsequente Festhalten an den ursprünglichen Freudschen Hypothesen über den sexuellen Ursprung der Neurosen führte zur Entdeckung der orgastischen Potenz durch Reich. Sein Buch Die Funktion des Orgasmusvon 1927 erhielt von Freud jedoch nicht die Anerkennung, die sich Reich erhofft hatte. Die anderen Psychoanalytiker reagierten ähnlich. Die Atmosphäre um Reich herum wurde immer eisiger, tatsächlich begannen zu dieser Zeit die ersten gegen ihn gerichteten Diffamierungen.

Der zweite Faktor, der für den zunehmenden Bruch zwischen WR und Freud verantwortlich war, war Reichs Interesse an den gesellschaftlichen Aspekten der Neurose. Es war die Frucht seiner Erfahrungen an der psychoanalytischen Klinik, in die Menschen aus den Unterschichten, die unter allen möglichen psychischen Erkrankungen litten, zur Behandlung kamen. 1925 veröffentlichte WR Der triebhafte Charakter. Hier verglich er die psychischen Strukturen von triebgehemmten Neurotikern mit denen des triebenthemmten Charakters. Heute würde man im letzteren Fall von Borderline-Störungen sprechen.

Gegenüber den anderen Psychoanalytikern, die in derselben Klinik arbeiteten, führte Reich aus, daß die Neurose ein Massenphänomen sei und daß deshalb der nächste Schritt der sein müßte, sich dem Problem soziologisch zu nähern. Zu dieser Zeit war die Trennlinie zwischen Politik und Soziologie noch nicht scharf gezogen und Freud lehnte es ab, in politische Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden. Er war bitter enttäuscht, daß einer seiner Lieblingsschüler einen Weg beschritt, den er für falsch hielt.

Nichtsdestotrotz rief Reich 1928 eine Bewegung für Mentalhygiene ins Leben: die „Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung“, in der er in Wien und von 1930 an in Berlin sehr intensiv bei Versammlungen und in der Beratungstätigkeit engagiert war. Das war die Periode, in der WR innerhalb der kommunistischen und sozialistischen Parteien arbeitete. Er wählte diese Organisationen, weil sie einen direkteren Zugang zu den Massen boten, wobei er jedoch selbst nicht das Gefühl hatte, im parteipolitischen Sinne verstrickt zu sein (siehe Reich Speaks of Freud).

Sein Glaube an den Erfolg politischer Reformen erlitt einen schweren Schlag, als er 1929 die Sowjetunion bereiste. Das Land, an dem sich alle fortschrittlichen Geister der Zeit orientierten, verwandelte sich in eine Diktatur und die Sexualreformen der ersten postrevolutionären Jahre machten wieder der alten sexualnegativen Moral platz. Diese Erfahrung fand Eingang in Reichs Buch Die sexuelle Revolution. Sein sozio-politisches Engagement innerhalb linker Organisationen setzte er jedoch noch einige Jahre fort, wie aus seiner Korrespondenz mit Leo Trotzki zwischen 1933 und 1935 deutlich wird. Der wachsende Erfolg Reichs und die Tatsache, daß er kein Mann der Partei war, führte 1933 zu seinem Ausschluß aus der deutschen Kommunistischen Partei.

In der Zeit, in der er in Berlin wohnte (1930-33), lernte er seine zweite Frau, Elsa Lindenberg kennen. Sie war Tänzerin an der Staatsoper Berlin und ebenfalls in linken politischen Organisationen engagiert.

1933 erschien die erste Ausgabe der Charakteranalyse, außerdem wurde Die Massenpsychologie des Faschismusveröffentlicht, in der die Verantwortung der Massen für die Errichtung der Diktatur beschrieben wird. Im gleichen Jahr, nach einer kurzen Rückkehr nach Wien, siedelte WR nach Kopenhagen über.

Seine Lage im nationalsozialistischen Deutschland war wegen seiner Mitgliedschaft in linken Organisationen zu gefährlich geworden. Wie Tausende andere suchte er deshalb in einem neutralen Land, das Dänemark in diesen Jahren war, nach Asyl. Darüber hinaus war der Psychoanalytiker Reich über die Grenzen der deutschsprachigen Welt hinaus bekannt und eine Gruppe von Dänen äußerte Interesse daran, von ihm eine psychoanalytische Ausbildung zu erhalten. Da es keine Analytiker in Dänemark gab, hatten sie bereits vorher bei Freud angefragt, ob sie WR als Lehrer haben könnten. Reich kam Mai 1933 in Dänemark an und durfte drei Monate lang bleiben, erhielt aber keine Arbeitserlaubnis.

Er ging seiner Lehrtätigkeit nach und betrieb Forschung, doch nach sechs Monaten wurde die Aufenthaltserlaubnis nicht erneuert. Die Anwesenheit solch einer umstrittenen Figur wie Reich hatte die Feindseligkeit der dänischen Psychiater heraufbeschworen und trotz der Bemühungen seiner Schüler und Mitarbeiter war es ihm nicht möglich, weiter in Dänemark zu bleiben. So siedelte er Ende 1933 nach Malmö über. Einer Stadt im äußersten Süden Schwedens, die für seine zahlreichen dänischen Schüler mit der Fähre aus Kopenhagen leicht zu erreichen war.

Auch die schwedischen Behörden weigerten sich, die Aufenthaltserlaubnis zu verlängern, ohne jedoch Gründe zu nennen. Deshalb kehrte Reich nach Dänemark zurück und lebte dort dank der Hilfe seiner dänischen Schülerin Ellen Siersted den ganzen Sommer 1934 unter dem Namen Peter Stein in einem Haus an der Küste in der kleinen Stadt Sletten, einem nördlich von Kopenhagen gelegenen Touristenort. Trotz der Schwierigkeiten waren dies für Reich heitere Monate, u.a. weil er sie mit seinen Töchtern zusammen verbringen konnte, die ihn zu dieser Zeit besuchten und natürlich wegen Elsa Lindenberg.

August 1934 wurde in Luzern (Schweiz) die Konferenz der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft (IGP) abgehalten. Bei dieser Gelegenheit gelang es Reichs Feinden innerhalb der IPG seinen Ausschluß aus der Vereinigung zu orchestrieren.

Zu diesem Zeitpunkt kamen ihm einige norwegische Psychoanalytiker zu Hilfe unter ihnen Ola Raknes. Die Behörden Norwegens gewährten WR eine Aufenthaltserlaubnis. Sie wurde während der gesamten Zeit, in der er in Oslo lebte, d.h. bis August 1939, regelmäßig erneuert. WR hielt an der Universität von Oslo zahlreiche Vorlesungen und nahm die eigene Lehrtätigkeit und Forschung wieder auf. Er sammelte um sich viele Schüler aus Skandinavien, aber auch aus Deutschland, Amerika und England. Es waren Psychiater, Ärzte, Wissenschaftler, Lehrer und Erzieher.

1938 begann in der norwegischen Presse eine Verleumdungskampagne gegen Reich. Im Laufe eines Jahres erschienen fast täglich Artikel, die ihn und seine Arbeit in den Dreck zogen. Außerdem wurde die Gefahr durch die Nationalsozialisten immer akuter und rückte näher. Wieder wurde seine Lage unhaltbar, so daß WR im August 1939 Europa verließ, um in die Vereinigten Staaten zu gehen und nie mehr zurückzukehren. Ein paar Wochen nach seinem Weggang besetzte das nationalsozialistische Deutschland Norwegen.

Trotz der großen Probleme, mit denen er zu kämpfen hatte, hörte die Entwicklung von Reichs Arbeit nicht auf. Die folgerichtige klinische Anwendung der Freudschen Libidotheorie und seine Erfahrung als Leiter des Technischen Seminars, wo er mit den schlechten Ergebnissen der Klinik konfrontiert wurde, als auch das generelle Fehlen einer tatsächlichen therapeutischen Technik, hatte ihn veranlaßt, die Erforschung des Widerstandes zu vertiefen, den der Patient in der Therapie an den Tag legt. Ergebnis war die Ausarbeitung der charakteranalytischen Technik, die auf der einen Seite einen wichtigen Schritt vorwärts bedeutete, auf der anderen Seite jedoch den ersten Schritt zur Loslösung von der Psychoanalyse darstellte.

Freud, und mit ihm viele andere Psychoanalytiker, nahm die Charakteranalyse nie voll zur Kenntnis. Das Reichsche Konzept der Genitalität traf bei den orthodoxen Psychoanalytikern nur auf Ablehnung. Die Arbeit an der psychoanalytischen Klinik brachte Reich mit der sozialen Dimension des Problems in Kontakt. Sein Bekenntnis zu linken politischen Bewegungen trug ihm die dauernde Ablehnung durch Freud ein. Trotzdem betrachtete sich WR weiterhin als Psychoanalytiker, der den vom Begründer der Psychoanalyse gewiesenen Weg beschritt. Doch tatsächlich öffnete Reich mit der Entdeckung des Muskelpanzers eine biologischeDimension, die ihn unvermeidlich auf einen von niemand zuvor betretenen Weg führte.

Die Entwicklung von Reichs Arbeit bis zu seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten kann wie folgt umrissen werden: vom freien Assoziieren zur Widerstandanalyse und weiter zur Analyse des Charakters bzw. der charakterologischen Widerstände; eine korrekte Charakteranalyse legt starke vegetative Reaktionen frei, führt zur Entdeckung der Panzerung und zur Entwicklung der vegetotherapeutischen Technik. Dieser Fortschritt machte es möglich, die Psychologie auf eine naturwissenschaftliche, biologische Grundlage zu stellen. Ein Fundament, das durch die bio-elektrischen Experimente untermauert wurde, die während der norwegischen Periode durchgeführt wurden.

Auf der Suche nach der physiologischen Grundlage der Lust- und Angstreaktionen kam WR dazu, mit Hilfe eines Oszillographen an Freiwilligen die Veränderungen der elektrischen Ladung der Hautoberfläche als Reaktion auf unterschiedliche Stimuli zu untersuchen. Die Ergebnisse (Anstieg der Ladung aufgrund lustvoller Reizung und deren Abfall als Reaktion auf unlustvolle Reizung oder Angst) ermöglichten ein besseres funktionelles Verständnis fundamentaler psycho-biologischer Phänomene. Reich sprach vom Urgegensatz des vegetativen Lebens, d.h. die Beziehung zwischen Lust und Angst. Zusammengefaßt haben wir auf der einen Seite die Lust, die einer Expansion des Biosystems entspricht, biologisch repräsentiert durch einen Anstieg der elektrischen Ladung an der Peripherie; auf der anderen Seite die biologische Kontraktion, die sich am Abfall des Oberflächenpotentials zeigt.

Das Interesse an der Erforschung der organismischen Pulsation und an der experimentellen Verifikation der Strömungsempfindungen, von denen die Patienten berichteten, wenn die Panzerung anfing nachzugeben, führte Reich zur Untersuchung von einzelligen Organismen wie den Amöben. Beim Versuch, die Amöben aus Grasaufgüssen zu gewinnen, wurden die Bione entdeckt (1936): Übergangsformen zwischen nichtlebender und lebender Materie, die Reich als „die grundlegenden funktionellen Einheiten aller lebenden Materie“ definierte.

Während der Untersuchung einer bestimmten Art von Bionen, den SAPA (Sand Paket), die aus Meeressand gewonnen wurden, entdeckte Reich die Orgonstrahlung (Januar 1939). Er begann deren Charakteristika, die sie von allen anderen Energien unterscheidet, sowohl auf rein physikalischer als auch auf biologischer Ebene zu untersuchen.

Reichs Arbeit fand in den 30er Jahren wichtige Unterstützung von Seiten bedeutender Persönlichkeiten der Zeit, die ihm als Ansprechpartner dienten. Erinnert sei an den englischen Anthropologen Bronislaw Malinowski, dessen auf den Trobriand-Inseln durchgeführte Studien den gesellschaftlichen Ursprung des Ödipuskomplexes und der Latenzperiode bestätigten. Auf diese Weise wurde die psychoanalytische Hypothese, daß sie unausweichliche biologische Bestimmung seien, widerlegt. Die von Malinowski untersuchte Gesellschaft befand sich im Umbruch vom Matriarchat zum Patriarchat. 1932 veröffentlichte Reich das Buch Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, einen grundlegenden Text zum Verständnis der sozialen Bedingtheit der Sexualunterdrückung und ihrer Verankerung in Charakterstrukturen.

Eine kaum weniger wichtige Persönlichkeit in Reichs Leben war Alexander S. Neill, ein aus Schottland stammender Pädagoge und Gründer der berühmten Summerhill-Schule. Patient und Schüler Reichs in der zweiten Hälfte der 30er Jahre, teilte er begeistert WRs Ideen, insbesondere jene hinsichtlich einer funktionellen Psycho-Pädagogik. Trotz aller Höhen und Tiefen konnte erst der Tod Reichs dieser Beziehung ein Ende setzen. Ihre Freundschaft hat sich in dem Buch Zeugnisse einer Freundschaftniedergeschlagen.

Während der Phase, in der Reich die Bione untersuchte, versicherte er sich der Zusammenarbeit von Prof. Roger Du Teil von der Universität Nizza. Du Teil führte nicht nur eine Reihe von Kontrollexperimenten durch, die ihn in die Lage versetzten, WRs Ergebnisse zu bestätigen, sondern er versuchte auch, die Französische Akademie der Wissenschaften auf die Arbeit mit den Bionen aufmerksam zu machen. Seine Hingabe und sein Enthusiasmus kosteten ihm jedoch seine akademische Karriere.

In dieser Zeit benutze Reich die dialektisch-materalistische Methode. Siehe dazu seinen Aufsatz „Der dialektische Materialismus in der Lebensforschung“ (Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie, Bd. IV, Nr. 3, 1937). Später mit der Entwicklung seines Denkens beruhte seine erkenntnistheoretische Herangehensweise auf der von ihm entwickelten funktionellen Denktechnik.

Die amerikanische Periode

Nachdem WR in die Vereinigten Staaten gekommen war, lehrte er, dank der Bemühungen von Dr. Theodore P. Wolfe, zwei Jahre medizinische Psychologie an der New School for Social Research in New York. Wolfe wurde der Übersetzer von WRs Büchern, die vom Orgone Institute Press, dem von Reich in den USA ins Leben gerufenen Verlag, herausgegeben wurden. Zum Verlagsprogramm gehörten auch wissenschaftliche Zeitschriften, die Artikel über die Entwicklung der orgonomischen Arbeit enthielten: International Journal of Sex-Economy and Orgone Research von 1942 bis 1945, Annals of the Orgone Institute, mit zwei Heften, die 1947 und 1949 veröffentlich wurden, Orgone Energy Bulletin von 1949 bis 1953, und schließlich COREvon 1954 bis 1955.

Nicht zu vergessen das von der American Association for Medical Orgonomy veröffentlichte Orgonomic Medicine, dessen insgesamt drei Hefte 1955 und 1956 erschienen. Der Herausgeber dieser letzten Zeitschrift war nicht Reich selbst, sondern Dr. Elsworth F. Baker, der sich jedoch auf Reichs Rat stützte, welcher in diesen Jahren ganz von juristischen Verwicklungen absorbiert war.

Im Dezember 1939 heiratete WR Ilse Ollendorff, von der er sich 1951 wieder scheiden ließ. 1944 wurde der gemeinsame Sohn Peter geboren. Nachdem sich Reich in den USA niedergelassen hatte, kaufte er sich ein Haus in Forest Hills, New York, wo er das Orgone Institutegründete.

Mit zunehmender Durchdringung der Funktionsweise des gepanzerten Organismus wurde immer deutlicher, wie grundlegend das Konzept der Blockierung des energetischen Flusses und der chronischen Kontraktion des gesamten Organismus ist. Deshalb konzentrierte WR seine therapeutische Herangehensweise auf die direkte Mobilisierung jener Muskelgruppen, deren chronische Kontraktion der Blockade zugrunde liegt, sowie auf den Gebrauch des Akkumulators. Diese Herangehensweise bezeichnete er als medizinische Orgontherapie. Natürlich blieb der psychologische Aspekt bestehen und tatsächlich ist es in einigen Fällen der primäre Weg, der zur Auflösung der Panzerung führt. Der Akkumulator, der DOR-Buster und die Bion-Therapie, mit ihrem doppelten Effekt aus energetischer Stimulation und Absorbierung stagnierender Energie, sind dabei natürlich auch Teil von Behandlungsverläufen, in deren Mittelpunkt die charakteranalytische Herangehensweise steht. Von Vorteil bei der medizinischen Orgontherapie ist die durch den Orgonakkumulator hervorgerufene Expansion, da sie dem chronischen Kontraktionszustand entgegenwirkt, der auf die Panzerung zurückgeht.

1947 wurden die sieben Panzersegmente entdeckt. Sie arbeiten weitgehend unabhängig voneinander, auch wenn sie gleichzeitig alle Anteil am Gesamtfunktionieren des Organismus haben.

Innerhalb kurzer Zeit baute Reich in den Vereinigten Staaten ein Labor für orgonomische Biologie und Biophysik auf, führte die Krebs-Studien fort und begann Mediziner, die ihn mittlerweile kontaktiert hatten, in Orgontherapie auszubilden.

Im Sommer 1940 entdeckte er die kosmische Orgonenergie. Im selben Jahr baute er den ersten Orgonakkumulator. Experimentelle Studien hatten das Wesen der Orgonenergie deutlicher hervortreten lassen und beispielsweise gezeigt, daß organische Materialien die Eigenschaft haben, das Orgon anzuziehen und festzuhalten, während metallische Materialien es zunächst anziehen, dann jedoch sofort wieder abstoßen. Reich postulierte, daß ein Raum, der, von außen nach innen betrachtet, von alternierenden organischen und metallischen Schichten umgrenzt wird, verglichen mit der Umgebung eine höhere Energiekonzentration hat. Seine Hypothese erwies sich als richtig.

Experimente, die an Krebsmäusen und Patienten im Endstadium durchgeführt wurden, erwiesen das große therapeutische Potential des Akkumulators. Thermometrische Untersuchungen zeigten einen Anstieg der Temperatur im Inneren des Akkumulators, der mit der traditionellen Physik nicht erklärt werden konnte, der aber aus energetisch-funktioneller Sicht vollständig Sinn machte. Die Orgonenergie-Einheiten werden von den Wänden des Orgonakkumulator abgebremst und die kinetische Energie in Wärme umgewandelt.

Januar 1941 hatte Reich ein Treffen mit Albert Einstein in Princeton, New Jersey. Einstein meinte zur positiven Temperaturdifferenz im Akkumulator (To-T): „Wenn das wahr ist, wäre das eine Bombe für die Physik“. Nach Einsteins anfänglichem Interesse erhielt Reich bald keine Nachricht mehr von dem berühmten Physiker aus Ulm. Das ganze Geschehen wurde 1953 von der Orgone Institute Press unter dem Titel The Einstein Affairan die Öffentlichkeit gebracht.

Am 12. Dezember 1941 wurde Reich um zwei Uhr morgens verhaftet und von FBI-Beamten auf der Grundlage des Alien Enemy Act nach Ellis Island verbracht. Am 5. Januar 1942 wurde er wieder freigelassen, ohne daß es zu einer Anklage gekommen wäre. Im selben Jahr, 1942, veröffentlichte er Die Entdeckung des Orgons, Bd. 1: Die Funktion des Orgasmus.

Dezember 1944 verwendete er ein Fluorophotometer, um die orgonotische Potenz bzw. den Orgongehalt unterschiedlicher Substanzen zu bestimmen. 1945 führte er ein Experiment zur primären Biogenese durch, das er Experiment XX nannte.

Zur genaueren Überprüfung der Funktionsweise des Akkumulators führte er weitere Untersuchungen mit Elektroskopen, dem Geigerzähler (1947) und Vakuumröhren (Vacor, 1948) durch. 1947 wurde die motorische Kraft des Orgons entdeckt, dank der WR in der Lage war, einen funktionstüchtigen Orgonenergie-Motor zu bauen. Reich hat jedoch nie das zentrale Element für das Laufen dieses Motors, den so genannten Y-Faktor, offengelegt.

1948 erschien im New Republic der Artikel „Der seltsame Fall des Wilhelm Reich“. In seinem Gefolge begann die Food and Drug Administrationeine Ermittlung hinsichtlich des Orgonakkumulators.

1948 wurde Die Entdeckung des Orgons, Bd. 2: Der Krebs veröffentlicht und die American Association for Medical Orgonomy(AAMO) gegründet. Ebenfalls 1948 wurde der erste internationale Kongreß für Orgonomie auf Orgonon, Rangeley, Maine abgehalten.

1949 zog Reich dauerhaft nach Orgonon und gründete im selben Jahr die Wilhelm Reich Foundation. Ebenfalls 1949 rief er das Orgonomic Infant Research Center(OIRC) ins Leben, dessen Aufgabe es war, die natürliche Entwicklung des Kindes zu studieren. Dieser Aspekt wurde in Reichs Denken immer zentraler.

Im August 1950 wurde der zweite internationale Kongreß für Orgonomie auf Orgonon organisiert.

1951 wurden Äther, Gott und Teufel, der erste Text über den orgonomischen Funktionalismus, Die kosmische Überlagerung und eine Monographie über den Orgonakkumulator veröffentlicht. In Die kosmische Überlagerungwird die Hypothese ausgeführt, daß die Überlagerung zweier energetischer Systeme die Grundlage für die Bildung von Wirbelstürmen, Galaxien, der Aurora Borealis und der Gravitation darstellt.

Ebenfalls 1951 führte Reich das Oranur-Experiment durch, bei dem 1 Milligramm Radium, das noch immer in seinem Bleibehälter steckte, fünf Stunden lang in einen 20-schichtigen Akkumulator gelegt wurde, der sich seinerseits im Orgonraum befand. Während der folgenden fünf Tage lag das radioaktive Material für jeweils eine Stunde im Akkumulator. Die Ergebnisse des Versuchs wurden unter der Überschrift The Oranur Experiment, First Report (1947-1951) veröffentlicht. Eines der wichtigsten Aspekte des Experiments war die Entdeckung einer tödlichen Energie, die WR DOR (Deadly Orgone) nannte. Es ist Orgonenergie, die in ihrem Kampf gegen die Kernstrahlung ihre Lebenskraft verausgabt hat, gierig nach Wasser und Sauerstoff ist und sich negativ auf alle Lebensfunktionen auswirkt. Ein Organismus, der für eine bestimmte Zeit mit dieser Energie in Kontakt kommt, entwickelt die Dor-Krankheit. Diese ist wiederum von der Oranur-Krankheit abzugrenzen, die eine Reaktion auf die Übererregung darstellt, die die Kernenergie bei der Orgonenergie hervorruft. Reich bemerkte auch eine Schwärzung und den Zerfall des Gesteins in der Umgebung des Labors. Eine eingehende Untersuchung dieses Phänomens führte zur Entdeckung weiterer Substanzen, die mit Dor verbunden sind: Melanor, Orite, Brownite und Orene. Die Untersuchung dieser Substanzen führte in einen Bereich, den er als „prä-atomare Chemie“ bezeichnete.

Das Oranur-Experiment rief bei den Mitarbeitern eine Reihe von Krankheitssymptomen hervor. Die Atmosphäre um Orgonon herum war „dorisiert“, so daß es nicht nur unmöglich wurde, dort weiterhin zu arbeiten, sondern sich dort überhaupt länger aufzuhalten. Um die Lage zu meistern, entwarf Reich 1952 den ersten Cloudbuster. Das war der Beginn des CORE, Cosmic Orgone Engeneering. Sehr schnell wurde deutlich, daß der funktionelle Gebrauch eines derartig einfachen Instruments, das ohne ausgefeilte Technologien auskam, die natürliche atmosphärische Pulsation wiederherstellen konnte. Mit ihm konnten Wolken gebildet und zerstört werden, Nebel aufgelöst und das stagnierende atmosphärische Dor durch pulsierende Orgonenergie ersetzt werden. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden vom Orgone Institute unter dem Titel Orop Desert im sechsten Band der Zeitschrift Core, Juli 1954 veröffentlicht.

Reich führte das Oranur-Experiment u.a. wegen des Korea-Krieges und der damit verbundenen Gefahr einer nuklearen Eskalation durch. Die Möglichkeit von Kernexplosionen auf amerikanischem Boden veranlaßte ihn, zu überprüfen, ob die Orgonenergie die Auswirkungen möglicherweise neutralisieren oder zumindest eingrenzen könnte. Er organisierte sogar Eingreifteams, die aus entsprechend ausgebildeten Leuten zusammengesetzt waren, darunter jeweils ein Doktor. Diese Gruppen sollten Akkumulatoren einsetzen. Reich schickte Briefe an verschiedene Behörden, in denen er seine Pläne im einzelnen ausführte. Die Antworten, die er erhielt, gingen jedoch nie über ein diplomatisches Desinteresse hinaus.

Diese seine Tendenz, sich an die Regierung, sogar an die höchsten Stellen, zu wenden und seine Vorstellung, daß hochstehende Persönlichkeiten in der Regierung seine Arbeit mit heimlichem Wohlwollen betrachteten, bekräftigte während des Gerichtsprozesses seinen Glauben, daß sich die juristischen Probleme zu seinen Gunsten auflösen würden. Die Dinge entwickelten sich, wie wir heute wissen, in eine vollständig andere Richtung und sein offensichtlich fehlgeleitetes Vertrauen in diejenigen, die an den Schaltstellen der Macht saßen, trug ihm, zur Freude seiner Kritiker, letztendlich nur Zweifel an seiner geistigen Gesundheit ein.

Im August 1953 wurde der dritte internationale Kongreß für Orgonomie organisiert. Im gleichen Jahr wurden die zwei Bände über „Die emotionelle Pest des Menschen“ veröffentlicht: Christusmord und Menschen im Staat.

Die Meteorologie als neuer Forschungsbereich nahm Reich völlig in Beschlag, insbesondere der Prozeß der Wüstenausbreitung. Sehr schnell konnte er eine funktionelle Beziehung zwischen dem Prozeß der Desertifikation und dem ziehen, was er als emotionale Wüste bezeichnete. Der Prozeß, bei dem die Orgonenergie durch Dor ersetzt wird, findet sowohl im atmosphärischen als auch im biologischen Bereich statt. Die Folgen sind auf der einen Seite das schnelle Schwinden der Vegetation, eine Umwandlung der Erdkrume bis schließlich alles zu Sand wird, das Absterben von primären Arten an deren Stelle, sowohl im Pflanzen- als auch im Tierreich, „sekundäre“ Lebensformen treten – und auf der anderen Seite, d.h. bei der emotionalen Wüste, das Verdrängen der pulsatorisch-expansiven biologischen Emotionen durch eine gepanzerte Funktionsweise, in der alle natürliche Anmut und Spontaneität verbannt und verfolgt wird. Das gemeinsame Funktionsprinzip, das beiden Prozessen zugrunde liegt, ist die stagnierende Energie.

Um den Prozeß der Wüstenausbreitung und die Möglichkeit ihrer Bekämpfung besser studieren zu können, organisierte WR im Oktober 1954 eine Reise nach Arizona, die in die Nähe von Tucson führte. Er nannte sie Expedition Orop Desert Ea. Die Ergebnisse dieser außergewöhnlichen Unternehmung wurden 1957 unter der Überschrift Contact with Space veröffentlicht (auf deutsch als Das ORANUR-Experiment IIerschienen). Die Bezeichnung „Ea“ bedeutet „Energie alpha“ oder primäre Energie, d.h. die kosmische Orgonenergie.

Dies bringt uns zum kontroversen Kapitel über die so genannten Unidentifizierten Flug-Objekte (UFOs). WRs Interesse an diesem Thema begann während des Oranur-Experiments. Nachdem er einige Bücher über die Debatte gelesen hatte, war er von ihrer Existenz überzeugt und daß sie von anderen Planeten kommen. Zunächst betrachtete er sie als uns freundlich gesonnen, jedoch glaubte er später, daß sie für die Wüstenausbreitung auf dem Planeten verantwortlich seien, weil sie absichtlich Dor in die Atmosphäre eintragen. Er glaubte, sie seien das Produkt einer auf Dor beruhenden Zivilisation. WR glaubte auch, daß ihr Antriebssystem auf einer Technologie basiert, die so hoch entwickelt ist, daß sie die Orgonenergie nutzen kann, was, wie er aufgrund seiner Studien über die Schwerkraft behaupten konnte, die verblüffenden Fähigkeiten dieser Fluggeräte erklärt.

Während der Reise nach Arizona wurde allen Teilnehmern, die an der Wiederherstellung der normalen atmosphärischen Pulsation durch die Beseitigung von Dor aus der Atmosphäre mittels des Cloudbusters beteiligt waren, deutlich, daß das Dor regelmäßig zurückkehrte, nachdem Flugobjekte, die sie bei Tageslicht und des nachts beobachtet konnten, aufgetaucht waren. Um diese Objekte zu bekämpfen, verstärkte Reich den Cloudbuster mit dem im Oranur-Experiment veränderten Radium. Er nannte es Orur und den dergestalt modifizierten Cloudbuster Space Gun. In Contact with Space werden einige dramatische Ereignisse erzählt, bei denen „Sterne“ am Nachthimmel unter dem direkten Einfluß des Space Gunihre Farbe verändern, bevor sie ganz verblassen. Während dieser Operationen fühlten sich einige der Bediener schlecht. Einer hatte während einer Operation eine akute Paralyse. Reich zufolge war das die Antwort des UFOs: ein massiver Ausstoß von Dor, der direkt auf den Cloudbuster gerichtet war.

Während der Zeit von 1945 bis 1953, trotz seines Wissens über die fortgesetzte Untersuchung gegen ihn und seine Tätigkeit von Seiten des FBI und der FDA, entwickelte Reich ohne Unterbrechung sein Denken, seine Organisation, die physikalischen und mathematischen Studien über die kosmischen Funktionen des Orgons und der Schwerkraft. Alle diese Aspekte erhielten einen dramatischen Impuls durch das Oranur-Experiment. Neben dieser intensiven Beschäftigung war WR zusätzlich in der Lage, sich der Malerei, der Skulptur und dem Komponieren von Musik zu widmen.

Die gegen WR und die Orgonomie gerichteten „Ermittlungen“ kulminierten am 20. Februar 1954 in einer Verfügung des Bezirksgerichts von Portland, Maine, in der festgestellt wurde, daß die Akkumulatoren Betrug seien und deshalb ihre Verbreitung verboten werden sollte; daß es die Orgonenergie nicht gäbe, die gesamte orgonomische Literatur nur der Werbung für den Vertrieb der Akkumulatoren diene und deshalb verbrannt werden müsse. Das geschah in Maine und am 23. August 1956 in der öffentlichen Müllverbrennungsanlage von New York. Von „Interesse“ ist, daß auch Bücher den Flammen übergeben wurden, die vor der Entdeckung der Orgonenergie veröffentlich worden waren und daß tatsächlich von den Behörden niemals wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt worden waren, die sich an die von Reich vorgegebenen Protokolle hielten.

Im Juni und Juli desselben Jahres wurden im Beisein von FDA-Beamten einige Mitarbeiter Reichs gezwungen, alle auf Orgonon vorhandenen Akkumulatoren auseinanderzunehmen, die Teile zu Kleinholz zu verarbeiten, anzuzünden und Bücher und Zeitschriften ins Feuer zu werfen. Die emotionelle Pest hatte ein weiteres Opfer zur Strecke gebracht. Auf diese Weise sind unzählige Menschen, die leicht von diesen außergewöhnlichen Entdeckungen hätten profitieren können, bis heute dieser Chance beraubt worden.

Im Mai 1955 kehrte Reich nach Orgonon zurück und im August des Jahres hielt er seine letzte Konferenz ab, die sich mit der medizinischen Anwendung des Dor-Busters beschäftigte. Bei dieser Gelegenheit lernte er Aurora Karrer kennen, eine Biologin aus Washington, D.C., die seine vierte Frau werden sollte. Mit ihr verbrachte er seine zwei letzten Winter in Washington, D.C. Um in der Lage zu sein, die juristischen Vorgänge aus nächster Nähe zu verfolgen, zog WR in die Bundeshauptstadt und wohnte im Hotel Alban Tower unter dem Pseudonym Walter Roner. Reich trug sich auch mit dem Gedanken nach der Lösung seiner juristischen Probleme zusammen mit Aurora in die Schweiz umzusiedeln.

Während der gesamten Prozeßdauer versuchte Reich, die Richter davon zu überzeugen, daß keiner Regierungsbehörde, geschweige denn der Staatsanwaltschaft, das Recht zugestanden werden dürfe, wissenschaftliche Arbeiten zu bewerten. Natürlich richtete sich das Gericht ausschließlich nach den juristischen Aspekten des Falles und konnte die Angeklagten dementsprechend nur schuldig sprechen.

Am 16. Juni 1955 wurde der FDA bekannt, daß Dr. Michael Silvert, ein enger Mitarbeiter Reichs, Akkumulatoren und orgonomische Bücher von Maine zu seiner Adresse in New York transportiert und auf diese Weise die gerichtliche Verfügung gebrochen hatte. All dies war ohne WRs Wissen geschehen, der zu dieser Zeit in Arizona weilte. Nichtsdestotrotz wurden Reich, die Wilhelm Reich Foundation und Silvert der Mißachtung des Gerichts angeklagt. Beide wurden für schuldig befunden, Reich wurde zu zwei Jahren, Silvert zu einem Jahr und einem Tag Gefängnis verurteilt, während die Wilhelm Reich Foundation eine Geldstrafe von 10 000 Dollar erhielt. WR erklärte offen, daß er das Gefängnis nicht überleben werde.

Trotz aller Versuche, die Reich und seine Mitarbeiter unternahmen, wurde er am 11. März 1957 in ein Bundesgefängnis in Connecticut verbracht und anschließend in das Gefängnis von Lewisburg, Pennsylvania überführt. Am 3. November des gleichen Jahres, eine Woche bevor er auf Bewährung entlassen werden sollte, wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden. Die offizielle Todesursache lautete Herzschwäche.

Während seiner Gefangenschaft fuhr er fort zu arbeiten und war in der Lage, die definitive Gleichung für negative Schwerkraft zu formulieren, außerdem beendete er sein letztes Buch Creation. Das Manuskript verschwand unter ungeklärten Umständen und die Gleichung, die er in der folgenden Woche seinem Sohn Peter mitteilen wollte, folgte ihm ins Grab. Die Beerdigung fand am 6. November 1957 auf Orgonon statt.

Ein abschließender Kommentar

Zum Abschluß der Biographie Wilhelm Reichs sind einige Klarstellungen über den einen oder anderen Aspekt des Lebens dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit angezeigt.

Noch immer fallen Bemerkungen über Reichs angebliche Geisteskrankheit, wenn sein Name erwähnt wird. Praktisch ist dies das einzige, was von ihm geblieben ist, abgesehen von seinem Einfluß auf die sexuelle Befreiung in den 60er und 70er Jahren. Die beste Art und Weise, eine für das jeweilige Establishment unbequeme Person zu diskreditieren, ist es, sie als geisteskrank hinzustellen. So verliert natürlich alles, was sie sagt oder tut, jedes Gewicht. Das Gerücht, daß WR in ein Irrenhaus eingewiesen worden sei, wurde Reich oft von seinen Studenten zugetragen.

War sein Glaube, daß er verfolgt wird, Frucht einer paranoiden Erkrankung oder hatte er eine reale Basis? Die Diffamierungskampagnen gegen ihn in Norwegen und in den Vereinigten Staaten, die unaufhörliche Observation durch das FBI und die FDA, die im Prozeß, seiner Inhaftierung und seinem Tod kulminierten: wurden sie wirklich von Moskau orchestriert, wie er fest glaubte, oder waren es einfach pestilente Reaktionen, die seine Person unweigerlich provozierte? Wir wissen es nicht. Wir wissen jedoch, daß die Richtigkeit seiner Entdeckungen nicht bezweifelt werden kann.

In WRs letzten Jahren wurden Abhörwanzen sogar in seinem Auto entdeckt. Sein Telefon wurde über Jahre hinweg ständig abgehört. Jahrelang spionierten amerikanische Dienste sein Leben und seine Arbeit aus, was auch seine Verwandten und seine Mitarbeiter mit einschloß. Einige führende Vertreter der APA (American Psychiatric Association) gratulierten der FDA, als Reich „endlich“ zur Strecke gebracht worden war. Außerdem fanden die Psychiater, die bis zum Ende so eng mit ihm zusammengearbeitet haben und die Behauptungen über WR sehr gut kannten, bei ihm nie Anzeichen einer psychischen Erkrankung. Es gibt jene, die Reich für verrückt hielten, als dies der Psychoanalyse in den Kram paßte wegen seiner Entdeckung der Funktion des Orgasmus, der Charakteranalyse, der charakteranalytischen Vegetotherapie. Andere haben ihm seine Trennung von den linken politischen Organisationen nie vergeben, die er vollzog, als ihm die Irrationalität der Politik und ihre Unfähigkeit, die wahren Probleme zu lösen, bewußt wurde. Im Laufe der Zeit ging seine Haltung zur Sowjetunion so weit, daß er sie als Paradigma der emotionellen Pest betrachtete. Andere konnten die Entdeckung der Orgonenergie und die Entwicklung des funktionellen Denkens nicht „ertragen“.

Für diese letzteren ist verständlicherweise alles, was mit dem Orgon zusammenhängt unakzeptabel und deshalb die Akkumulatoren, der Dor-Buster, die Möglichkeit ins Wettergeschehen einzugreifen, die Orgonphysik, die Oranur-Reaktion, die tödliche Dor-Energie und so fort nichts als sinnloser Blödsinn.

Über die Jahre hinweg haben viele Wissenschaftler bzw. solche, die sich dafür hielten, versucht, WRs Experimente zu wiederholen. Aus ihren Schriften spricht der offensichtliche „Wunsch“, sie als wissenschaftlich unbegründet hinzustellen. Leider haben andere diese Experimente mit Erfolg wiederholt. Mögliche Abweichungen von den Ergebnissen, die Reich erzielt hat, können mit den veränderten Energiebedingungen auf unserem Planeten erklärt werden. Beispielsweise betrifft das die Resultate des Reich-Bluttests und das häufige Auftreten von negativen Temperaturmessungen (To-T) beim Akkumulator.

Hat Reich zuviel entdeckt?

Tatsächlich umfassen seine Entdeckungen einen Bereich von der Medizin zur Psychiatrie, von der Biologie zur Physik, von der Soziologie zur Pädagogik, zur Astronomie. Jeder Spezialist der einzelnen Fächer hätte etwas einzuwenden. Wie kann es einem Nichtspezialisten erlaubt werden, etwas in einem Forschungsfeld zu sagen, in dem er sich nicht auskennt? Die Zerteilung der Naturphänomene und das damit einhergehende Spezialistentum, dessen letztendliche Aufgabe darin besteht, das absolut Feste und Unbewegliche zu erhalten, auch wenn es sich dadurch in Einzelheiten verliert, ist Konsequenz der mechanistischen Weltanschauung. Sie tendiert dazu, alles streng voneinander zu separieren, die Phänomene zu isolieren. So verbaut sie den Zugang zu den Gesetzen, die aller Natur zugrunde liegen. Mit anderen Worten: die Panzerung, die den Organismus in viele stagnierende Abschnitte einteilt, zwingt, wenn auch auf vollkommen unbewußte Weise, der Wirklichkeit ihre fragmentierende Sichtweise unbeugsam auf. In diesem Fall betrifft das die Naturforschung. Das soll selbstverständlich nicht heißen, daß es nicht auch innerhalb der diversen Kontexte natürlichen Funktionierens selbständige Phänomene geben könne, die aus der Sichtweise des jeweiligen Kontextes betrachtet werden sollten. Funktionelles Denken erlaubt es, natürliche Phänomene in die ihnen zugehörige spezifische Dimension einzufügen. Das gewissenhafte Befolgen der Originalprotokolle macht es möglich, als Antwort auf die mechanistische Anschauung das Vorherrschen funktioneller Phänomene in der Natur nachzuweisen.

Auf der anderen Seite ist auch das mystische Gesellschaftsmitglied wenig geneigt, die wissenschaftliche Botschaft Reichs vollständig zu akzeptieren. Der volle Kontakt mit der eigenen biologischen Energie öffnet einerseits das Tor zum wahren Kontakt mit der Natur und dem Kosmos, bedeutet jedoch für einen gepanzerten Organismus gleichzeitig auch eine schreckliche Erfahrung, die er gar nicht bewältigen kann. Der Schritt in den Mystizismus, d.h. zu einer Mystifizierung der Wirklichkeit, ist in diesem Fall unausweichlich und sehr verständlich. Die innere und äußere Natur kann jedoch nur dann voll begriffen, gefühlt, gelebt und untersucht werden, wenn man in voller Harmonie mit ihr steht; nur wenn wir sie durch uns strömen fühlen und das nicht nur ohne Angst, sondern mit einem Maximum an Lust. Es sei nicht vergessen, daß die emotionelle Pest neben dem Orgon eine weitere große Entdeckung Reichs ist. Sie ist die Antwort auf die legitime Frage, warum die Orgonenergie nicht schon vorher entdeckt worden ist.

Aus seiner Natur heraus strebt der pestilente Charakter überall nach gesellschaftlichen Machtpositionen, um in der Lage zu sein, jede Manifestation der Natur, die er nicht ertragen kann, abzuwürgen. Dazu gehört die wissenschaftliche Forschung, der natürliche Wissensdurst, der zusammen mit der Kunst den höchsten und unbezwingbaren Ausdruck des Menschseins darstellt. Seit Jahrtausenden hat der pestilente Charakter mit allen Mitteln die Entdeckung hintertrieben, indem er jeden Weg unkenntlich gemacht hat, der zu einer wirklichen Verbesserung des Lebens aller führen könnte. Aber nach etwa zehntausend Jahren einer heimlichen Präsenz auf dem menschlichen Schauplatz ist die Lebensenergie, ihre wahre Natur, nicht nur ihre bloße Existenz, entdeckt worden und kann nicht länger verborgen bleiben.

Eine letzte Betrachtung gilt der sogenannten sexuellen Befreiung. Reich hat sein ganzes Leben hinweg erklärt, daß er tatsächlich nur eine einzige fundamentale Entdeckung gemacht hat: die orgastische Plasmazuckung. Die Funktion des Orgasmus und ihre Untersuchung ist aus allen medizinischen Fakultäten weltweit verbannt und das ist sicherlich kein Zufall. Die menschliche Gesellschaft gründete in den letzten mehr oder weniger zehntausend Jahren auf der Verneinung dieser Naturfunktion. Alle gesellschaftlichen Institutionen verdanken ihre Existenz der Verneinung des freien Strömens der Natur in uns. Eine vollständige Akzeptanz der Orgasmustheorie würde unausweichlich eine totale Revolution der menschlichen Gesellschaft mit sich bringen. Aber Strukturen, die seit ihrer Geburt oder vielleicht schon davor gepanzert sind, sind nicht in der Lage, die gewaltige Explosion an Energie, die ein von der Panzerung befreites Leben bedeutet, zu ertragen. Ein chronisch kontrahierter Organismus, der voll von Haß und Angst steckt, in dem also die sekundäre Schicht vorhanden ist, kann nur eine sadistisch-pornographische Vorstellung von Sexualität in sich tragen. Ihre vollständige und sofortige Befreiung würde nur zu Chaos und blanker Gewalt führen. Genau das passiert regelmäßig, wenn das Geflecht der Panzerung schwächer wird, wie beispielsweise in Kriegszeiten. Es ist deshalb kein Wunder, daß die Reichsche Botschaft von der sexuellen Befreiung verzerrt wurde und den Menschen endgültig von sich selbst entfremdet hat. In der Orgonomie hat die Freiheit ihr notwendiges Gegenstück in der Verantwortung. Reich war sich all dessen natürlich vollkommen bewußt, immerhin war er es, der die Gesetze der Natur und der Panzerung entdeckt hat.

Aus diesem Grunde waren die letzten Jahre seines Lebens weniger der individuellen Therapie gewidmet. Im einzelnen Fall betrachtete er sie zwar als extrem nützlich, sprach ihr aber jede gesellschaftliche Bedeutung ab. Am Ende galt sein Interesse den Kindern der Zukunft. Angenommen, jede folgende Generation würde ein wenig naturgemäßer heranwachsen: die Menschheit wäre in der Lage, eines Tages ihren richtigen Platz in der Schöpfung wiederzufinden.


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