Die gepanzerte Welt

Reich zufolge muß man zum Verständnis jeder beliebigen Funktion das Gemeinsame Funktionsprinzip (Common Functioning Principle, CFP), aus dem diese Funktion hervorgeht, ergründen. Das CFP ist umfassender und tiefer als seine Variationen. Deshalb können sie das CFP nicht überschreiten: ihr Entwicklungspotential ist nicht grenzenlos, sondern durch die Ursprungsfunktion begrenzt. Dabei spielt es keine Rolle, daß die Funktionen, die aus dem CFP hervorgehen, immer komplexer werden. Ihr gemeinsamer Ursprung wird sich deshalb nicht verändern.

Man kann die biologische Psychiatrie als Beispiel nehmen. Die Forschung auf diesem Gebiet mag ständig verfeinert werden, beispielsweise durch Benennen immer selektiverer Rezeptoren, sie wird jedoch niemals in der Lage sein, den physikalisch-chemischen Ansatz zu überwinden, der sich wiederum aus der mechanistischen Weltanschauung herleitet. Die energetische Natur des seelischen Funktionierens wird durch diesen Ansatz stets außen vor bleiben. Die Emotionen werden immer als Resultat des Zusammenspiels zwischen chemischen Substanzen in bestimmten Gehirnarealen betrachtet werden. Therapie wird unausweichlich, und für den, der diesem Model folgt, folgerichtig, aus dem Verabreichen von chemischen Substanzen bestehen. Wenn die Ergebnisse unbefriedigend bleiben, wird versucht werden, die Suche zu vertiefen, um neue Details zu entdecken, neue Moleküle zu finden, es wird jedoch die generelle mechanistische Sichtweise auf den menschlichen Geist niemals zur Diskussion gestellt werden.

„A1“ verursacht und beherrscht als CPF alle folgenden Variationen vollständig.

Reich wurde oft beschuldigt, alles sexualisiert zu haben, sogar mehr als Freud. In Wirklichkeit war er auf eine völlig spontane und natürliche Weise auf einen enormen Widerspruch gestoßen, der sich immer wieder zwischen Freuds Libidotheorie, in der die Neurosen auf sexuelle Probleme zurückgeführt wurden, und der Tatsache auftat, daß viele Patienten, darunter schwer kranke, vorgaben, keinerlei sexuelle Probleme zu haben. Diese Auffassung der Patienten wurde auch von vielen Psychoanalytikern geteilt.

Mit der Entdeckung der Funktion des Orgasmus, die in der Lage war, diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen, ließ WR ungewollt die allgemein akzeptierte Sichtweise auf die Sexualität hinter sich. Er hatte den Bereich betreten, der nicht von der Panzerung, sondern vom naturgemäßen Funktionieren bestimmt wird. Jede soziale Beziehung erscheint logisch und folgerichtig innerhalb des eigenen Bezugsrahmens, der gewöhnlich als der beste oder einzig mögliche betrachtet wird. Beispielsweise hat die Verstümmelung des weiblichen Genitals, die uns als Monstrosität erscheint, für die Völker, die sie praktizieren, eine vollkommen andere Bedeutung. Für sie ist es Zeugnis der Übereinstimmung mit einer sozialen Norm. Die Familie des unbeschnittenen Mädchens zieht soziale Ächtung auf sich und auch die junge Frau selber fühlt sich anders als die anderen Mädchen. Dieses extreme Beispiel verdeutlicht gut den sozialen Druck, der die psycho-emotionale Struktur des Einzelnen formt und ist überall anwendbar.

Wie ist der von außen kommende Einfluß, auch der krankhafste, überhaupt in der Lage, die individuelle Struktur dauerhaft zu verändern? Reichs Antwort ist bemerkenswert: Wenn ein Kind, zu welchem Zeitpunkt in seiner Entwicklung auch immer, auf ein konstantes und, für es, bedrohliches Hindernis für sein natürliches Funktionieren trifft, spaltet sich seine Struktur in zwei Antithesen. Die eine drängt weiter nach außen zur Befriedigung seiner Bedürfnisse, während die andere, welche die charakteristischen Merkmale der von außen kommenden Unterdrückung angenommen hat, diese Befriedigung mehr oder weniger vollständig blockiert. Man hat dergestalt die unglaublich paradoxe Situation vor sich, daß das äußere Verbot verinnerlicht und genau von jenem Trieb am Leben erhalten wird, gegen den es gerichtet ist. Wenn dieser Prozeß über einen genügend langen Zeitraum oder dauerhaft aufrechterhalten wird, bildet sich unausweichlich eine chronische Panzerung, die auch dann weiterwirkt, wenn das äußere Verbot nicht mehr gilt. An diesem Punkt identifiziert sich das Selbst des Betroffenen völlig mit der eigenen Unterdrückung. Es ist so, als ob ein Fluß sein eigenes Fließen mit Hilfe jener Energie blockiert, die das normale Strömen bedingt.

DIE EMOTIONALE BLOCKIERUNG

Reich glaubte, daß der Mensch als einziges Lebewesen eine chronische Panzerung entwickelt hat. Zwei Fragen bleiben zu klären:

1 – Wie unterscheidet man eine gepanzerte von einer ungepanzerten Gesellschaft?

Während der Periode, in der sich Reich mit Studien über den Einfluß der Gesellschaft auf die Sexualität beschäftigte, kam er in Kontakt mit den Arbeiten zahlreicher Anthropologen: Morgan, Engels, Bachofen, Malinowski, Roheim und auch Freud. Das Bild, das sich herausschälte, deutete eindeutig darauf, daß der Übergang von der matriarchalen zur patriarchalen Zivilisation den Übergang zwischen einer selbstregulierten zu einer zwangsregulierten Lebensweise kennzeichnete, die durch die Panzerung hervorgerufen wurde. Ein deutliches Beispiel für diesen Übergang findet sich bei den von Malinowski beschrieben Bewohnern der Trobriand-Inseln. Die Mitglieder der herrschenden Klasse der Trobriander zeigen nämlich Einstellungen, die für eine die Sexualität unterdrückende Gesellschaft typisch sind. In diesem Fall lag das Motiv für die sexuelle Unterdrückung in der Wirtschaftsordnung. (Dieser Aspekt wird in dem 1932 herausgegebenen Buch Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoralim Detail beschrieben.) Entscheidend ist, daß die Betroffenen viele pathologische Züge zeigten, die für die patriarchalische Gesellschaften typisch sind, während die restlichen Mitglieder des Stammes, wo noch eine natürliche Lebensweise vorherrschte, weitgehend frei davon waren.

Eine gepanzerte Gesellschaft behandelt ihre Kinder und betrachtet Frauen und Sexualität in einer vollkommen anderen Weise, als eine, die noch nicht von der Panzerung beherrscht wird. Wenn die Tendenz zur Panzerung in der Gesellschaft die Oberhand behält, und mittlerweile gibt es auf diesem Planeten keine Beispiele mehr für matriarchale Gesellschaften, erhalten die Kinder immer weniger körperliche Zuwendung, sie werden von der Familie beherrscht, die Geschlechtertrennung wird durchgesetzt, es gibt weniger Nachsicht und im Namen ihrer „Anpassung“ wird ihnen die Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse verwehrt. Den Frauen wird zunehmend die Freiheit beschränkt, manchmal ganz genommen. Sie werden im Vergleich zu Männern als minderwertig betrachtet, die Jungfräulichkeit wird tabuisiert und es wird ihnen nicht erlaubt, sich selbst einen Partner zu suchen und ihre Fruchtbarkeit selbst zu kontrollieren. In einer Gesellschaft mit stark patristischen Zügen ist Genitalverstümmelung gang und gäbe, die Sexualität ist von Ängsten und Schuldgefühlen durchdrungen und restriktiven Normen unterworfen. Sexuelle Beziehungen zwischen Jugendlichen sind verboten oder streng reglementiert. Eine Gesellschaft dieser Art wird gewalttätig, autoritär, sehr hierarchisch, sadistisch sein, in jeder Hinsicht die Zwangsmonogamie begünstigen und ihre Macht brutal durchsetzen.

Dies sind nur einige wenige Beispiele für eine Gesellschaft, die auf der Negierung des natürlichen Lebens beruht, dem es seine Regeln aufzwingt. Es gibt zahllose Muster sozialer Interaktion und jede Kultur auf diesem Planeten hat ihren eigenen Weg gefunden, um die gepanzerte Zivilisation fortbestehen zu lassen.

Natürlich gibt es eine Abstufung, was den Grad der Negation des natürlichen Lebens betrifft: sie kann brutal und offensichtlich sein, aber auch weniger eindeutig und schwerer einzuschätzen. Was jedoch alle diese Äußerungsformen vereinigt, das CFP, ist die Panzerung, die sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft umfaßt. Jede natürliche und spontane Bewegung wird durch die sekundäre Schicht der Panzerung in Schach gehalten, blockiert, negiert, abgetötet. Eine derartige Struktur, sei es auf der Ebene des Individuums oder der Gesellschaft, kann nur auf eine brutale und zerstörerische Art und Weise agieren. Durch die Panzerung verwandelt sich jeder natürliche Trieb in eine zerstörerische Bewegung und je umfassender, tiefer und dicker die sekundäre Schicht ist, desto aggressiver wird das Ungestüm sein müssen, um sie überwinden zu können. Vorausgesetzt die Unterdrückung hat die Vitalität des biologischen Kerns nicht geschwächt.

Eine weitere Charakteristik, neben der pathologischen Brutalität der sekundären Schicht, ist das stets bei den Individuen einer gepanzerten Gesellschaft zu findende Ausweichen vor dem Wesentlichen. Mit diesem Terminus wird die allgemeine Tendenz gekennzeichnet, vollen Kontakt mit uns selbst und der Wirklichkeit, die uns umgibt, zu meiden und statt dessen all die oberflächlichen Formen der sozialen Beziehungen, das Leere, Formale, die „Fassade“ vorzuziehen. Der gepanzerte Mensch tut verständlicherweise alles, um den schmerzhaften Kontakt mit seinem eigenen inneren Gefängnis zu vermeiden. Immerhin erlaubt der oberflächliche Kontakt eine soziale Aktivität, die nicht vollständig zerstörerisch ist. Destruktivität wäre unausweichlich, wenn es der sekundären Schicht erlaubt würde, ungehindert zum Ausdruck zu kommen.

Diese Betrachtungen erklären, warum die orgonomische Wissenschaft praktisch unbekannt ist und ihr Begründer in einem Gefängnis sterben mußte und mittlerweile vergessen ist. Die korrekte Anwendung der Entdeckungen Reichs, die mit der Rückkehr der Menschheit zum natürlichen, ihrer Natur gemäßem, Funktionieren gleichbedeutend ist, würde zur Auslöschung dieser gepanzerten Zivilisation führen.

2 – Was hat den Menschen dazu gebracht, sich abzupanzern?

Noch haben wir keine endgültige Antwort auf diese grundlegende Frage. Wir verfügen jedoch über zahlreiche Elemente, die uns das Formulieren einiger sehr wahrscheinlicher Hypothesen erlauben.

Die bereits erwähnten anthropologischen Studien brachten Reich zunächst dazu, den Ursprung der Panzerung im sozioökonomischen Bereich zu suchen – das Verweigern von sexueller Freiheit für die Kinder des Stammeshäuptlings, um diesem einige ökonomische und soziale Vorteile zu sichern. Später betrachtete Reich ein solches Verhalten eher als Folge denn als Ursache der Panzerung. In seiner letzten Hypothese, die er während der letzten Jahre seines Lebens entwickelte, sah er die Anpassung an die Wüstenbildung für die Entwicklung der Panzerung verantwortlich. Bevölkerungen, die sich gezwungen sahen, in einer Umwelt zu leben, die immer mehr austrocknete (in der das Dor langsam die Oberhand über die lebendige Orgonenergie der Umgebung gewann), und immer längere und dramatischere Hungernöte durchstehen mußten, paßten ihre Strukturen den Umständen an.

Die Desertifikation hatte die emotionale Wüste des Menschen hervorgebracht. Die Notwendigkeit des Überlebens zwang sehr wahrscheinlich ganze Populationen zur Auswanderung in fruchtbarere Regionen, aber sie brachten auch ihre mittlerweile gepanzerte Lebenseinstellung mit sich und „infizierten“ andere Gesellschaften, die noch nicht betroffen waren. Es ist interessant, wenn auch schmerzhaft, festzustellen, daß wenn zwei Kulturen, eine gepanzert und eine ungepanzert, in Kontakt kommen, es immer die erstere ist, die die Oberhand gewinnt. Beispielsweise gibt es Malinowski zufolge nahe der Trobriand-Inseln andere Inseln, deren Bewohner weitaus länger dem Einfluß der europäischen Kolonialherren, insbesondere deren Missionaren, ausgesetzt gewesen waren: sie zeigten all die psychopthologischen Züge, die eine gepanzerte Zivilisation auszeichnen (Neurosen, Psychosen, Perversionen, Soziopathien).

Wann und wo hat dieser Prozeß der Verpanzerung begonnen? Reich hielt einen Zeitraum für wahrscheinlich, der etwa sechstausend Jahre zurückreicht, vielleicht zehntausend. Also in etwa, als der Mensch anfing, seine Geschichte niederzuschreiben und sich der Landwirtschaft zu widmen. Die Region, in der die patristische Kultur am deutlichsten vorherrscht, entspricht den Wüstenregionen, die von Nordafrika und dem Mittleren Osten bis weit nach Zentralasien hineinreichen.


%d Bloggern gefällt das: