Die Biopathien

Als Biopathie werden Krankheitszustände betrachtet, die die folgenden Charakteristika aufweisen:

  1. Es sind Krankheiten unbekannten Ursprungs. Kein biopatisches Syndrom kann von der klassischen Medizin auf eindeutige Weise erklärt werden.
  2. Das Gefühlsleben des Patienten spielt stets eine zentrale Rolle.
  3. Typischerweise gehen funktionelle Störungen strukturellen Veränderungen voran.
  4. Je frühzeitiger die Krankheit auftritt, desto schwerer ist die biopathische Störung.
  5. Die Biopathie hat einen langwierigen Verlaufsprozeß, der von Verbesserungen und Verschlechterungen begleitet wird, die mit irreversiblen morphologischen Veränderungen einhergehen, was sowohl den gesamten Organismus als auch ein bestimmtes Organ oder Organsystem betreffen kann.

Bis zur Klärung durch Reich blieben die Ursachen dieser Krankheiten im Verborgenen.

Dank der funktionellen Methode Reichs konnten die verschiedenen sich widersprechen Herangehensweisen an das psychosomatische Problem, die zunächst unvereinbar erscheinen, in einem Schema vereinigt werden, das es erlaubt, jede einzelne Sichtweise des Problems in der ihm gemäßen Weise darzustellen.

1→ ←2 Mechanistischer Materialismus
2→ ←1 Idealismus – Vitalismus
3 4 Parallelismus – Dualismus
5 ←→ 6 Theismus – Mystik
7 8 Monismus – psychophysiologische Identität
9 der gemeinsame Ausgangspunkt der Funktionen: die kosmische Orgonenergie

1 und 2 repräsentieren die absolute Antithese zwischen Psyche und Soma.

Der Mechanismus (1) leitet das Funktionieren der Psyche ausschließlich von materiellen, physio-chemischen Prozessen her. Sie werden als ausreichende Ursachen betrachtet. In diesem Modell ist das psychische Geschehen, inklusive des emotionalen, das gar nicht als primäre Gegebenheit betrachtet wird, ausschließlich Ergebnis ganz und gar physikalischer Vorgänge, d.h. die quantitativen Faktoren werden über die qualitativen gestellt. Die mechanistische Therapie beruht auf der Voraussetzung, daß es durch die Beeinflussung physio-chemischer Prozesse möglich sei, psychische Störungen zu behandeln.

Der metaphysische Idealismus (2) behauptet das Gegenteil. Jede physische Aktivität wird ausschließlich von psychischen Ursachen bestimmt (2 bestimmt 1), sei dies Geist, Libido oder Energie. In diesem Zusammenhang gehören diese Begriffe zum oberflächlichsten Bereich der psychosomatischen Beziehung. Wenn von Energie gesprochen wird, wie bei Freuds Libido, geht es um eine bloße Metapher.

Der psychosomatische Parallelismus (3 und 4) behauptet, daß die psychischen und somatischen Prozesse voneinander unabhängig sind und parallel nebeneinander herlaufen. Die ihnen gemeinsame energetische Wurzel wird vollständig vernachlässigt.

In der Mystik sind das Psychische und das Somatische absolute Antithesen (5 und 6). Geist und Materie, Psyche und Soma, Instinkt und Moral, Natur und Kultur, Sexualität und Arbeit, das Irdische und das Göttliche sind definitiv unvereinbar. Wir bewegen uns hier im Glaubenssystem der orthodoxen Religionen.

Das Konzept des Monismus, bzw. der psycho-physiologischen Identität (7 und 8), betrachtet die zwei Bereiche wie verschiedene Aspekte des gleichen Phänomens. Obwohl er tiefgehender und umfassender ist als die bisher erläuterten Betrachtungsweisen, werden hier die Gegensätze nicht in Erwägung gezogen, welche sich aus der Aufspaltung der aus dem Energiefluß hervorgehenden Funktionen ergeben. Auf diese Weise wird die wechselseitige Abhängigkeit von Psyche und Soma vollständig vernachlässigt.

Aufgrund der funktionellen Herangehensweise an die psychosomatische Beziehung geht die Orgontherapie davon aus, daß die erläuterten Funktionsmodelle einer gemeinsamen Quelle entspringen, der biologischen Orgonenergie (9). Jede von ihnen ist gültig, aber nur im jeweiligen Funktionszusammenhang, nie im absoluten Sinne. Das einseitige Festhalten an einer Betrachtungsweise ist in der Struktur des Charakterpanzers des einzelnen Therapeuten begründet. Diese Beschränkung erlaubt es ihm nicht, ein genaueres therapeutisches Ziel festzulegen, das weiter reicht als eine bloße Besserung der Symptome oder eine vage Umschreibung von Reife. Diese Zielsetzungen sind sicherlich vertretbar, aber es fehlt ihnen an Tiefe, um das Funktionieren des Individuums in seiner natürlichen energetischen Dimension erfassen zu können.

Die psychiatrische Orgonotherapie betrachtet Psyche und Soma als zwei Variationen eines tieferliegenden Gemeinsamen Funktionsprinzips. Ziel der Behandlung ist es, den Patienten zu einer umfassenden Umstrukturierung seines Organismus zu führen, was letztendlich natürlich orgastische Potenz beinhaltet, mit all ihren psychischen, emotionalen und physischen Komponenten. Sie ist nicht immer erreichbar, aber stets der Zielpunkt, auf den sich die Therapie ausrichtet.

Dank seiner funktionellen Herangehensweise kann der Orgontherapeut auf die technischen Errungenschaften der anderen Methoden zurückgreifen, falls sie sich während der Behandlung als nützlich erweisen. In jedem Fall stellen sie nur Instrumente dar, deren Anwendung das letztendliche Ziel der Therapie nicht in Frage stellt.

Biopathien gehen auf eine Störung der Pulsation der organismischen Energie zurück.

Reichs Entdeckung einer greifbaren und spezifisch biologischen Energie machte es möglich, die Natur der biopathischen Störungen auf eine Weise zu verstehen, die früher undenkbar war. Pulsation ist eine primäre Eigenschaft dieser Energie (dem Orgon). Nicht nur der Organismus pulsiert in seiner Gesamtheit, sondern auch jedes seiner Organe auf die je eigene Weise. Die Funktion des Orgasmus stellt den wichtigsten Regler des organismischen Energiemetabolismus dar. Jede Störung dieser Funktion (orgastische Impotenz auf Grund chronischer Panzerung) führt langfristig zu einer Beeinträchtigung, die mehr physischer oder mehr psychischer Natur sein kann.

Alle somatischen Biopathien gehen mit einer psychischen Biopathie einher und umgekehrt. In jeder Biopathie ist die Störung der Pulsation immer lokal und gleichzeitig allgemein. In einem gepanzerten Organismus finden sich lokale biopathische Erkrankungen wie Magengeschwür, Asthma Bronchiale, Hautkrankheiten, spastische Dickdarmentzündung, etc. Das lokale Symptom ist nur Ausdruck der besonders schweren Störung der Pulsation im betreffenden Bereich. Oft stellen die vom Patienten beklagten Symptome eine parasympathische Reaktion dar, die aus funktioneller Sicht den Versuch eines Teils des Organismus darstellt, mit einer mehr oder weniger starken expansiven Bewegung der vom Panzer induzierten sympathikotonen Kontraktion entgegenzuwirken und so die natürliche Pulsation wiederherzustellen. In anderen Fällen, wie bei der ischämischen Kardiopathie, sind die Symptome direkter Ausdruck der chronischen Sympathikotonie.

Jedenfalls entwickelt sich jede Biopatie in einem gepanzerten und deshalb orgastisch impotenten Organismus. Der biopathische Prozeß leitet sich aus der überschüssigen Energie her, die nicht durch ein angemessenes Geschlechsleben entladen wird. Paradoxerweise tritt ein Symptom auf, wenn die Panzerung nicht mehr in der Lage ist, die energetische Erregung zu unterbinden.

Biopatien entwickeln sich aber auch bei Menschen, bei denen der Organismus aufgehört hat, gegen die Panzerung anzukämpfen. Dieser Zustand wird von der Krebsbiopathie verkörpert. Hier hat sich der energetische Impuls erschöpft oder er ist im Begriff sich zu erschöpfen. Die orgastische Impotenz ist total, fast immer ist die Atmung sehr reduziert und aus psychischer Sicht gehen der Bildung des lokalen Tumors viele Jahre der Resignation voraus. Reich zufolge ist die Krebspathologie Fäulnis bei lebendigem Leibe. Der vitale Energiefluß wurde unterbrochen und es kommt zur Stagnation. Die Schmerzen, die aus neurologischer Sicht oft nicht zu begründen sind, beruhen auf einer Kontraktion der lokalen Nerven. Sie sind Zeugnis des Schrumpfungsprozesses, dem der Organismus unterliegt. Am folgerichtigen Ende steht Kachexie.

Was die psychischen Biopathien betrifft erlaubt es Reichs Klärung des schizophrenen Prozesses (siehe das Kapitel über die schizophrene Spaltung in seinem Buch Charakteranalyse) Ursprung und Symptomatik dieser schweren Geisteskrankheit bis auf ihre bioenergetischen Grundlagen zurückzuführen. Das Wesen der Schizophrenie ist die Spaltung zwischen der objektiven bioenergetischen Erregung des Schizophrenen und seiner subjektiven Wahrnehmung dieser Erregung. Dieser Prozeß erlaubt es, alle Symptome, die mit der jeweiligen Psychose einhergehen, logisch einzuordnen. Er ist die Grundlage jedes psychotischen Phänomens. Bei Schizophrenie kann Orgontherapie als Behandlungsmethode der Wahl betrachtet werden.

Auch die anderen psychischen Biopathien, obwohl sie weniger schwerwiegend sind, werden als Ergebnis einer energetischen Pulsationsstörung des Organismus betrachtet.

Der ökonomische (energetische) Gesichtspunkt, der aus der Psychoanalyse verbannt wurde, hat mit Reich seinen ihm zustehenden Platz sowohl im Verständnis als auch der Behandlung dieser Störungen zurückerlangt, ohne daß jedoch die Bedeutung des psychodynamischen Gesichtspunktes vernachlässigt wird. Nur ein wirkliches Durchdringen und Integrieren aller Elemente, die mit Ursprung und Aufrechterhaltung eines pathologischen Zustandes zusammenhängen, machen einen erfolgversprechenden Therapieansatz möglich.

Hier ein einfaches Schema, welches es erlaubt, die Struktur des Charakterpanzers oder, mit anderen Worten, die wechselseitige Beeinflussung der geschichtlich-strukturellen und der energetischen Faktoren zu verdeutlichen:

Schema der neurotischen Struktur mit ihren strukturellen und energetischen Determinanten und deren wechselseitigen Beeinflussung

Neurotische Struktur (1+2)

 

 

1
Ödipuskomplex, geschichtliche und strukturelle Quelle der sexuellen Hemmung

 

 

2
aktuelle Sexualstauung, energetische Quelle der Symptome

Es gibt keine Stauungsneurosen oder psychosomatischen Symptome ohne psychische Hemmungen oder Störungen der Genitalfunktion. Es gibt keine Psychoneurosen ohne Stauung der Sexualenergie.

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